Was kostet ein Flüchtling? Antworten auf eine leidige Frage

Aufgrund ethischer Überlegungen und demokratischer Grundfesten sollte diese Frage gar nicht gestellt werden. Sowohl im Grundgesetz (Artikel 16a) der Bundesrepublik Deutschland als auch in der durch Deutschland mitgetragenen Genfer Flüchtlingskonvention ist die Grundlage für das Recht auf Asyl geschaffen. Darüber hinaus sollte es aber nicht nur um rechtliche Vorschriften gehen, sondern vielmehr ein humanitäres, empathisches Grundverständnis herrschen, das da lautet: Menschen in Not muss man helfen – ohne Blick auf die Kosten, und ohne Blick darauf, ob andere helfen. Aber da die Frage durch bestimmte Menschen und Gruppen immer wieder gestellt und im politischen Diskurs instrumentalisiert wird, hier ein paar Antworten.

Zunächst einmal steht fest: Die Frage lässt sich nicht in einer einfachen Zahl beantworten – sobald also eine pauschale Summe in einer Diskussion genannt wird, heißt es vorsichtig sein.

Die Kosten fallen bereits je nach Bundesland und Kommune unterschiedlich aus. Im Schnitt wird hier mit 1.000 Euro pro Flüchtling und Monat gerechnet. Diese Summe schwankt aber außerordentlich. So gab die Stadt Emmerich nahe der niederländischen Grenze nach eigenen Angaben im ersten Quartal dieses Jahres rund 651 Euro pro Monat für jeden Flüchtling aus. In Berlin bestand mangels ausreichender Planung im vergangenen Jahr die Notwendigkeit, Zimmer in Hotels für die Unterbringung von Flüchtlingen anzumieten, sodass die Kosten deutlich höher ausfielen. So schwankt der Wert bundesweit von rund 200 bis über 1.000 Euro monatlich von Kommune zu Kommune.

Ähnlich sieht es auch bei der medizinischen Grundversorgung aus. Im Durchschnitt lag der durch die Kommunen gezahlte Betrag im Jahr 2015 bei rund 660 Euro pro Flüchtling. Interessant ist an dieser Stelle der Vergleichswert zu gesetzlich krankenversicherten BundesbürgerInnen: 2014 hat dieser 2.755 Euro pro Person im Jahr betragen. Flüchtlinge bekommen allerdings auch weniger Leistungen – weshalb sie für das Gesundheitssystem deutlich günstiger sind.

Einen fest benennbaren Geldwert stellt das Taschengeld dar: Dieses liegt bei 135 Euro pro erwachsenem Flüchtling, solange dieser in einer Aufnahmeeinrichtung lebt. Der Betrag erhöht sich, wenn die Person in eine eigene Wohnung zieht. EhepartnerInnen und Kindern steht weniger Geld zu. Sobald der Asylantrag anerkannt wurde, bekommen Flüchtlinge den existenzsichernden Mindestsatz wie Hartz-IV-Empfänger – 404 Euro. Neben den Kosten für Miete, Verpflegung und Gesundheitsfürsorge fallen zusätzliche Posten für die Bereitstellung der Infrastruktur, die Errichtung von Gebäuden und Personal an, die in die Summe mit einberechnet werden – so entsteht ein zunächst hoch erscheinender Geldwert von rund 1.000 Euro monatlich pro Flüchtling.[1]

Legt man diese Bemessungen auch für BundesbürgerInnen an, kommen je nach betrachteter Gruppe interessante Zahlen zustande. Oder anders: Sobald die Kategorie ‚Was kostet ein Flüchtling‘ aufgemacht wird, könnte auch gefragt werden, was ein Sträfling, eine Rollstuhlfahrerin, eine Rentnerin, ein Erstklässler oder eine Bundestagsabgeordnete kostet. Für Letztere gilt: weit über 30.000 Euro pro Monat. Laut Bund der Steuerzahler beträgt die zu versteuernde Diät eines Abgeordneten 9.082 Euro, dazu kommt ein Vielfaches durch Kostenpauschale, Büro, Reisekosten, Sachleistungen, Mitarbeiterpauschale und nach dem Ausscheiden Übergangs- und Versorgungsgeld.[2]

Für SchülerInnen gibt der Staat laut Studentenzeitschrift UNICUM 525 Euro im Monat aus, allerdings sind hier nur die staatlichen Kosten für Bildung inbegriffen – also Personal- und Sachkosten.[3] Das entspricht etwa den Kosten eines Integrationskurses für Flüchtlinge. Als Person kosten SchülerInnen die Eltern aber noch mehr: Kleidung, Kost, Wohnraum, Schulgeld, Kino, Klassenfahrt etc. – die nicht annähernd durch das Kindergeld abgedeckt werden.

Ja, aber… – man wird doch wohl noch sagen dürfen… Ja, was eigentlich?

Dass Schüler die investierten Kosten dem Staat wieder einbringen, sobald sie arbeiten und Steuern zahlen? Ja, machen junge Flüchtlinge doch aber auch. MigrantInnen (und Flüchtlinge werden zu MigrantInnen, wenn sie im Land bleiben) tragen zum Staatshaushalt bei, engagieren sich in der Gesellschaft und sind auch als Gruppe deutlich jünger als die deutsche Mehrheitsbevölkerung.

Ja, aber das eine sind unsere eigenen Kinder? Schon, aber erinnern wir uns: Die Geburtenstatistik weist aktuell 1,5 Kinder pro Frau aus.[4] Für die Entlastung der Sozialkassen und einen Trend zur ‚gesunden‘ Alterspyramide wären allerdings 2,1 Geburten pro Frau nötig. Deutschland altert massiv. Der Altersdurchschnitt liegt in Deutschland – je nach Bundesland – zwischen 42 und 48 Jahren.[5] Da ist es doch vielmehr ein Potential, dass fast 60 Prozent der AsylbewerberInnen unter 25 Jahre alt sind, um den Fachkräftemangel auszugleichen und die Rentenkasse flüssig zu halten.[6]

So sieht es also aus – mit den Zahlen und der tatsächlichen ‚Nutzbarkeit‘ von Flüchtlingen für die Bundesrepublik Deutschland. Wenn man Menschen und ihre Arbeitskraft schon monetär in Zahlen übersetzen möchte, dann dürfen nicht nur die Kosten, sondern müssen auch die Potentiale genannt werden. Eigentlich geht es aber um viel mehr – um die Frage, ob wir an unseren menschlichen Grundwerten festhalten und Mensch als Mensch behandeln, unabhängig von der Kategorie, in die er oder sie sortiert wird.

[1] Die angegebenen Berechnungen und Zahlen basieren auf Recherchen der Berliner Morgenpost, 2016: http://www.morgenpost.de/politik/article207803205/Was-kostet-ein-Fluechtling.html.

[2] Bund der Steuerzahler Deutschland e.V.: http://www.steuerzahler.de/Die-Finanzierung-der-Bundestagsabgeordneten/8692c9972i1p525/.

[3] Unicum, 2015: http://abi.unicum.de/aktuelles/news/ein-schueler-kostet-rund-6000-euro-im-jahr.

[4] Statistisches Bundesamt, 2016: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2016/10/PD16_373_126.html.

[5] Freie Presse, 2016: http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/SACHSEN/Sachsen-altert-deutlich-schneller-als-andere-Bundeslaender-artikel9676263.php.

[6] Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, 2015: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/28_Einwanderung_und_Vielfalt/Kurzinformation_SVR_Zugang_zu__Aus-_Bildung_fuer_Fluechtlinge_20150729.pdf, S.2.

Zwischenbilanz – Vielfalt macht Sinn

Seit vier Monaten laufen unsere interkulturellen Trainings an Berufsschulen in und um Leipzig. Das Angebot wird interessiert angenommen, sodass bereits ein Großteil der geplanten Workshops und Projekttage erfolgreich durchgeführt wurde.

Mit über 200 TeilnehmerInnen aus den Bereichen Sozialwesen, Krankenpflege, Erziehung, Personalwesen, Tagespflege und Freiwilligenarbeit fanden die bisherigen Veranstaltungen in den ersten Monaten an verschiedenen Berufsschulen und Einrichtungen statt.

Wir freuen uns über die engagierte Teilnahme und die angeregten Diskussionen und wünschen ein erfolgreiches Schuljahr weiterhin.

…übrigens: Wer sich vertiefend mit Interkulturalität, Migration und politischer Bildung auseinandersetzen möchte, kann sich gerne Bücher und andere Medien in der Interkulturellen Bibliothek des WeltOffen e.V. ausleihen.

Bücher zu Politischer Bildung

Erfolgreicher Projektstart

Mit dem neuen Schuljahr ist auch das Projekt Vielfalt macht Sinn. Ein interkulturelles Training in der Aus- und Weiterbildung des Leipziger Vereins WeltOffen erfolgreich angelaufen.

In bereits sechs Workshops und Projekttagen haben knapp 100 Tageseltern, PersonalerInnen und angehende ErzieherInnen sich mit den Themen Migration, Flucht und Interkulturalität kreativ und konstruktiv auseinandergesetzt. Neue interaktive Übungen und aktuelle Entwicklungen wurden ebenso thematisiert wie die Relevanz im jeweiligen Berufsfeld.

Wir bedanken uns bei allen TeilnehmerInnen für die aktive Beteiligung und freuen uns auf die anstehenden interkulturellen Trainings im Herbst.

…visuelle Eindrücke von einem Projekttag im September in der Akademie für Kreativitätspädagogik Leipzig:

Neueröffnung bei WeltOffen am 15. Oktober

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WeltOffen e.V. eröffnet seine neuen Räumlichkeiten feierlich am Samstag, den 15. Oktober 2016, mit einem interkulturellen Programm für Interessierte, Familien, Vereine und Initiativen.
Von 15:30 uhr bis 18:30 Uhr wollen wir mit Ihnen unsere neuen Vereinsräume einweihen. Neben interkultureller Musik und einem kleinen Buffet wird es um 16:00 Uhr eine mehrsprachige Lesung für Kinder und um 17:00 Uhr eine kurze Vorstellung des Vereins geben.

Seit sechs Jahren ist WeltOffen ein wichtiger Akteur des interkulturellen Dialogs in Leipzig: Die in Leipzig einmalige mehrsprachige Kinder- und Jugendbibliothek bietet Bücher und andere Medien in über 40 Sprachen – und in den neuen Räumen in der Straße des 17. Juni 11 auch die Möglichkeit für Veranstaltungen, Lesungen und interkulturellen Musikunterricht. In Diversity-Trainings des WeltOffen e.V. werden SchülerInnen und Auszubildende auf ein interkulturelles Berufsumfeld vorbereitet, außerdem bietet der Verein Workshops und Projekttage zu Themen des Globalen Lernens.

Wann: Samstag, 15. Oktober 2016, ab 15.30 Uhr
Wo: Straße des 17. Juni 11, 04107 Leipzig
Was: interkulturelle Musik, mehrsprachige Lesung für Kinder, Vereins-Vorstellung

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Vielfältig ins neue Schuljahr…

Noch sind Sommerferien, doch schon in wenigen Tagen beginnt das neue Schuljahr. Und mit diesem starten wir in unser Projekt Vielfalt mach Sinn. Ein interkulturelles Training in der Aus- und Weiterbildung.

In interaktiven Workshops und Projekttagen haben Auszubildende und BerufsschülerInnen die Möglichkeit auf ein interkulturelles Arbeitsumfeld vorbereitet zu werden.
Neben Hintergründen zu Globalisierung, Migration und Flucht, werden den TeilnehmerInnen mithilfe von praktischen Übungen interkulturelle Kompetenzen vermittelt. Welche möglichen Konfliktsituationen können im jeweiligen Arbeitsalltag auftreten und wie sehen Lösungsansätze aus? Unser geschultes Team – das um ReferentInnen mit eigener Migrationsbiografie erweitert wurde – bereitet die Workshops individuell für das entsprechende Berufsfeld vor. Gemeinsam arbeiten wir im konstruktiven Dialog, um den Weg für eine weltoffene und vielfältige Gesellschaft zu ebnen.

Bei Interesse nehmen wir Anmeldungen für Workshops und Projekttage gerne entgegen und bearbeiten diese schnellstmöglich. Wir freuen uns auf die kommenden Monate mit euch.

Neustart – Diversity wird Vielfalt

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Liebe interkulturell Interessierte, liebe teilnehmende Schulen und Schüler*innen, liebe Kooperationspartner,

wir möchten uns an dieser Stelle für ein tolles Projektjahr für das Diversity-Training in der Aus- und Weiterbildung bedanken! Schön, dass so viele mitgemacht und dieses Projekt unterstützt haben.

In diesen letzten 12 Monaten haben eine Vielzahl an Workshops und Projekttage vor allem in der Stadt Leipzig, aber auch im Landkreis, wie z.B. in Borsdorf, Torgau und Böhlen, stattgefunden. Insgesamt kamen auf diese Weise über 160 Projektstunden zusammen. Teilgenommen haben diverse Klassen und Ausbildungsrichtungen von Ergotherapie und Physiotherapie über Gastronomie, Technik, Gesundheitspflege und Erzieher*innen, bis hin zu jungen Teilnehmenden an Bildungsmaßnahmen oder einem Berufsvorbereitungsjahr, welchen noch keine spezielle Fachrichtung vorschwebte. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit, eure Offenheit, euer Nachfragen und euer engagiertes Mitmachen!

Projekttag

Vielfalt macht Sinn!

Seit Juli 2016 ist das Projektjahr für das Diversity-Training beendet. Gleichzeitig freuen wir uns darüber, die Bewilligung der Förderung für ein thematisch ähnlich gelagertes Projekt bekanntgeben zu können: Vielfalt macht Sinn. Ein interkulturelles Training in der Aus- und Weiterbildung. Wir bleiben hierbei unserer Zielgruppe treu und wollen uns verstärkt mit den Themen Migration und Willkommenskultur auseinandersetzen. Als Sahnehäubchen haben wir unser Bildungsteam für das Projekt Vielfalt macht Sinn um eine*n Referent*in erweitert, der/die das Angebot mit einem persönlichen Erfahrungsschatz zum Thema Migration bereichert.

Neustart und Dank

Nicht nur unser Team wird durch neue Mitglieder verstärkt, auch die Projekt-Webseite bekommt ein neues Gesicht! Abrufbar wird diese wie gehabt unter www.diversity-bildung.de sein. Auch das Projekt-Team wird unter den bisherigen Kontaktdaten erreichbar bleiben. Wir freuen uns auf „Vielfalt macht Sinn“, auf ein neues Team und vor allem auf euch, die mit uns zusammen Workshops und Projekttage gestalten!

Das Diversity-Training ebenso wie Vielfalt macht Sinn werden gefördert im Rahmen des Landesprogramms „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“. Für diese Unterstützung möchten wir uns ganz herzlich bedanken. Zudem freuen wir uns darüber, für das neue Projekt mit der Stiftung :do einen weiteren Förderer dazu gewonnen zu haben.

Unser Dank geht außerdem an die folgenden bisherigen und zukünftigen teilnehmenden Schulen, Organisationen und Institutionen:

Aus- und Weiterbildungsschulen des VMKB e.V.

AWO Akademie Mitteldeutschland

BSZ Leipziger Land

Freies Gymnasium Borsdorf

Geschwister-Scholl-Schule-Liebertwolkwitz

Heimerer-Schulen

Herbie e.V.

Internationale Demokratiekonferenz Leipzig

Lernladen Leipzig

Medizinische Berufsfachschule Kreiskrankenhaus Torgau

Medizinische Berufsfachschule Uniklinikum Leipzig

Rahn-Dittrich-Group – Fachoberschule Leipzig

Sana Klinikum Borna

StadtSchülerRat Leipzig

Susanna-Eger-Schule

Universum-Akademie

Brückenfest 2.0 – ankommen. platznehmen. zusammenleben.

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Unter dem Motto „ankommen, platznehmen, zusammenleben“ findet am 19. Juni 2016 das diesjährige Brückenfest 2.0 im Clara-Zetkin-Park statt. Bundesweit werden an diesem Wochenende Menschenketten für Menschenrechte und Vielfalt veranstaltet. Das Netzwerk Integration – Migrant/-innen in Leipzig e.V. hat dies mit dem Brückenfest 2.0 für Leipzig auf die Beine gestellt. Neben der Aktion „Hand in Hand gegen Rassismus“ können sich Besucher*innen auf verschiedene Stände und Angebote kulinarischer, spielerischer, informativer oder musikalischer Art freuen.
Brückenfest 2.0 – ankommen. platznehmen. zusammenleben.

Wann? Sonntag, 19. Juni 2016 von 13 – 20Uhr

Wo? Sachsenbrücke (Anton-Bruckner-Allee im Clara-Zetkin-Park, Leipzig)

Ein Fest für die Vielfalt

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Am 7. Juni 2016 findet der von der Charta der Vielfalt ins Leben gerufene Deutsche Diversity-Tag zum 4. Mal statt. An vielen verschiedenen Orten in ganz Deutschland werden zu diesem Anlass Workshops, Podiumsdiskussionen, Tage der offenen Tür, Filme und diverse Mitmach-Aktionen durchgeführt. In Leipzig wird an diesem Tag im Werk 2 das bunt gemischte und familienfreundliche Fest der Vielfalt gefeiert. Von 15 – 21 Uhr gibt es auf dem Fest unter anderem die Möglichkeit auf Flohmarktständen zu stöbern oder in die Grafik-, Druck- und Keramikwerkstätten der Werk 2 hineinzuschnuppern. Mad Flava und der Glückliche Montag laden dazu ein bei einem Kunstprojekt mit zu machen und Besucher*innen können an einem Workshop zum Thema Storytelling und Forumtheater teilnehmen. Für Kinder gibt es neben kostenloser Schmink- und Verkleide-Aktion, musikalische Begleitung durch den Liedermacher Toni Geiling und das Wolkenorchwester. Abgesehen davon stellen sich diverse Leipziger Initiativen an Infoständen vor. Auch auf kulinarische Vielfalt wird wert gelegt. Erwähnt werden soll zu guter Letzt die abendliche Vorführung des DOK-Films „A Special Need“ (19 Uhr, Halle D).

Fest der Vielfalt: 07.06.2016, 15 – 21 Uhr

Der Eintritt zum Fest der Vielfalt ist kostenlos.

WERK 2 – Kulturfabrik Leipzig e.V.
Kochstr. 132
04277 Leipzig

Zur Webseite der Charta der Vielfalt geht es hier.

Muslimfeindlichkeit und Bildungsarbeit

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Das Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur (ZEOK e.V.) hat eine Broschüre zum Thema „Bildungsarbeit zu muslimischen Lebenswelten und Muslimfeindlichkeit in Ostdeutschland“ herausgegeben. Die Inhalte basieren auf den im Jahr 2015 gesammelten Erfahrungen mit jugendlichen Workshopteilnehmenden, die sowohl einen muslimischen als auch nicht-muslimischem Hintergrund mitbrachten.

In der knapp 50-seitigen Broschüre, die auch eine Methodensammlung enthält, wird zunächst auf den Bedarf solcher Bildungsangebote eingegangen. Der Abschnitt „Muslimfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus“ erläutert, was unter diesen Begriffen verstanden wird und stellt drei Konflikte in den Vordergrund. Dazu gehöre die Wahrnehmung von Menschen muslimischen Glaubens als eine einheitliche Kategorie, ohne innerreligiöse Differenzierung oder individuelle Unterschiede. Speziell für die ehemalige DDR gelte außerdem eine grundlegende Skepsis gegenüber Religionen, sodass hier im Rahmen einer Annäherung eine noch größere Hürde zu überwinden sei. Ein drittes Vorurteil bestehe in der Stigmatisierung muslimischer Menschen und der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund als nicht-deutsch.

Wie Bildungsarbeit hier vermittelnd tätig werden kann, spiegelt nicht nur der Titel der Broschüre „Mich hat überrascht, dass manche so denken wie wir“ wider. Auch die enthaltene Methodensammlung zeigt anhand von sechs ausführlich erläuterten Übungen auf, welche Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Gegenüber angestoßen werden können.

Zeok e.V. ist seit 2004 in Leipzig aktiv. „Mich hat überrascht, dass manche so denken wie wir“ (2015) kann auf der Webseite des Vereins als PDF heruntergeladen oder bestellt werden.

www.zeok.de

Perspektivenwechsel im GRASSI. Ausstellung „fremd“ noch bis 8. Mai

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Was ist uns fremd? Eine Antwort darauf ist nicht leicht zu finden. Oft wird vergessen, dass für die Beantwortung der Frage auch wesentlich ist, wer wir sind. In der Entstehungszeit der ethnologischen Wissenschaft, der Sammlungen und Museen mit dem Schwerpunkt „Völkerkunde“, war dies nicht die dringendste Fragestellung. Das führte zu einem aus heutiger Sicht zweifelhaften Vorgehen beim Erwerb der Ausstellungsstücke. Umso mutiger ist es, wenn Museen diese Hintergründe beleuchten.

Ende Januar 2016 startete im Grassi Museum die Serie GRASSI invites. Der erste in dieser Reihe geladene Gast ist die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Die hieraus entstandene Sonderausstellung mit dem Titel fremd liefert einen Kommentar auf die seit Mitte des 19. Jahrhundert gängige europäische Praxis des Zurschaustellens „fremder Kulturen“ in ethnologischen Museen. Ergebnis ist eine kritische Auseinandersetzung des Grassi Museums mit der eigenen Präsentationsweise. Über 20 KünstlerInnen der HGB kommentieren mit ihren Installationen die kolonialistische Sichtweise, auf der das Ausstellungskonzept basiert, indem sie BesucherInnen beispielsweise auf ihre/seine Rolle als Voyeur hinweisen oder das Ausgestellte durch Hinzufügen von Informationen in ein ganz neues Licht rücken.

Damit werden neue Wege musealer Aufbereitung aufgezeigt und einem Publikum präsentiert, das durch wichtige Initiativen zur Aufarbeitung kolonialer Bestände wie bei der Rückgabe von in der Berliner Charité aufbewahrten menschlichen Überresten an eine namibische Delegation und das 2008 gestartete human remains project nicht direkt angesprochen wurde. An anderen Stellen in Deutschland besteht noch immer geringe Bereitschaft, ähnliches tlw. noch in Kellern und Kisten aufbewahrtes „Material“ zu katalogisieren und zurückzugeben – ganz zu schweigen von offiziellen Stellungnahmen der Bundesregierung im Zusammenhang mit dem Völkermord deutscher Soldaten an den Herero.

In der Ausstellung fremd werden Schlaglichter darauf geworfen, auf welchen Wegen Objekte in ethnologische Sammlungen kamen, Persönlichkeiten und Expeditionen früher Ethnologen (und „Rassenkundler“), deren herablassende Aussagen über die von diesen be- und untersuchten Menschen wurden ebenso offen auf- wie angegriffen. Hervorgehoben wurden Zitate aus den Aufzeichnungen des Ethnologen Egon von Eickstedt, der nach seiner ‚Beschaffungsmission‘ in einer Indienexpedition 1926-29 als Begründer einer Zeitschrift für Rassenkunde auftrat. Später erhielt Eickstedt den Ruf nach Breslau als Inhaber eines rassenkundlichen, nach 1945 den Ruf nach Mainz als Inhaber eines anthropologischen Lehrstuhls.

Auch Zitate des vor über hundert Jahren als Direktor des Museums für Völkerkunde zu Leipzig eingesetzten Johann Conrad Karl Weule anlässlich seiner Ostafrika-Expedition bestechen durch kolonialwirtschaftlichen Zweckrationalismus. Der Schritt, die freie Kontroverse mit der eigenen Geschichte zuzulassen und damit historiographische Ausstellungsarbeit mit ehrlicher Offenheit auch den eigenen Wurzeln gegenüber zu verbinden, verdient großen Respekt.

Wir sind gespannt was die Serie GRASSI invites in Zukunft zu bieten hat und empfehlen derweil einen Besuch der Sonderausstellung #1 fremd.

GRASSI invites #1 fremd 29.01. – 08.05.2016